Stefanie Schramm


Journalistin

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Visionär der Großreinemacht

DIE ZEIT, 15. Dezember 2011

Mit deutschen Methoden will der Umweltforscher Xue Bing Chinas Ruhrpott reinigen

Den klapprigen grauen Wagen hat er ausgeliehen, den Fahrer gleich dazu. »Mein Gehalt reicht bloß zum Fahrradfahren«, sagt Xue Bing. Heute braucht er ein Auto, denn er will seinen Forschungsgegenstand zeigen, und der ist ziemlich groß: ein ganzes Industriegebiet in der Stadt Shenyang im Nordosten Chinas.

Der Wagen rollt auf die »Straße des Aufbaus«, links und rechts stehen graue Mietskasernen, dahinter wachsen neue Wohntürme, 20-stöckig, rosafarben, mit Giebeln und Türmchen, die europäisch aussehen sollen. »Hier war früher alles voller Fabriken, 20.000 Schornsteine«, erzählt Xue. Jetzt ist das komplette Industriegebiet umgezogen, an den Stadtrand. Der Geograf untersucht, wie die Umwelt von diesem Exodus – 300 Unternehmen siedelten in den vergangenen neun Jahren um – profitiert hat. Das ist Xues Thema: der rasante Wandel in China und wie man seinen Schwung nutzen kann, um das Land ein bisschen sauberer zu machen.

»Die meisten denken nur«, sagt Xue. »Ich denke und handle.« Chinesische Dampfplauderei? Ein Blick in den Lebenslauf des erst 29-Jährigen, der schon Assistenzprofessor an der Chinesischen Akademie der Wissenschaften ist, zeigt: Da muss etwas dran sein. Er stammt aus einem Dorf in der Provinz Jiangsu, nördlich von Shanghai, seine Eltern sind Bauern. Mit acht Stipendien hat er sich sein Stu-dium finanziert, seine Doktorarbeit und Aufenthalte im Ausland. Unter anderem an der Fachhochschule Trier, wo er am Institut für angewandtes Stoffstrommanagement geforscht hat. Und in dieser Woche erhält Xue in Berlin den Green Talents Award, mit dem die Bundesforschungsministerin herausragende junge Umweltforscher auszeichnet.

Studiert hat er in einer Drei-Millionen-Stadt im von Trockenheit geplagten Norden, in Lanzhou. Es ist eine der schmutzigsten Städte Chinas. »Shanghai oder Peking wären mir zu groß gewesen, da wäre ich nicht klargekommen«, sagt Xue. »Und in Lanzhou war das Studium billig«. Was er nicht sagt: Auf die Spitzen-Unis kommt man nur mit sehr vielen Punkten in der Schulabschlussprüfung, die man an einer Dorfschule kaum erreicht. Immerhin, Lanzhou ist bekannt für ein sehr gutes Geografiestudium. Für die Doktorarbeit ging Xue dann nach Shenyang, mitten hinein in das »Ruhrgebiet des Ostens«, wie die Chinesen es nennen (doch, wirklich, »Dongfang Luhr«!). Da schwingt Respekt mit für den industriellen Boom im Kohlenpott; aber der Vergleich stimmt, unbeabsichtigt, auch für dessen Kehrseite: Bis vor Kurzem zählte die Weltbank Shenyang zu den zehn Orten mit der weltweit dreckigsten Luft. Xue lacht in sich hinein. »Ich habe es wohl mit den schmutzigen Städten!«

Shenyang ist das Zentrum der Region, die man einst Mandschurei nannte, »Land des Überflusses«. Ihre reichen Rohstoffvorkommen machten sie vor hundert Jahren zur Wiege der chinesischen Industrialisierung. Als China sich in den neunziger Jahren immer mehr der Marktwirtschaft öffnete, zeigte sich aber, wie ineffizient die riesigen Staatsbetriebe waren. Hier, im Industriegebiet Tiexi, wurde ein Drittel der Arbeiter entlassen. Die Regierung beschloss, die Unternehmen umzubauen – ganz wörtlich: Alte Fabriken wurden abgerissen und am Rand der Stadt neu errichtet. Bezahlt wurde das mit der Pacht aus den alten Industrieflächen im Zentrum, wo Büros und Wohnungen wuchsen, Einkaufspassagen und ein Finanzzentrum.

Museum, erster Versuch: So rasend schnell wird China umgebaut, dass kaum Zeit bleibt, Altes zu bewahren. In Tiexi ist es gelungen, das will Xue zeigen. Er dirigiert den Fahrer zum »Arbeiterdorf«. Dessen dreistöckige Backsteinbauten im Sowjetstil blieben stehen, als Industriedenkmal. Ein kleines Museum ist dem Alltag der Arbeiter gewidmet. Wir dürfen aber nur ganz kurz rein, sagt der Wachmann. Stromausfall.

Das ist China, der Wandel ist rasant und manchmal holprig. Werden in dem irren Tempo die Fehler der Vergangenheit wiederholt, gar in größerem Maßstab? Xue hat die Emissionen von Schwefeldioxid und Stickoxiden verglichen, im alten Industriegebiet und im neuen, dazu die Menge des Abwassers, des Mülls. »Weil die Fabriken mit modernerer Technik wiederaufgebaut wurden, stoßen sie jetzt weniger Schadstoffe aus«, sagt er. Die Zahlen selbst dürfe er nicht herausgeben, »aus verschiedenen Gründen«. Auch das ist China.

Umweltschutz ist hier noch ein heikles Thema, es gilt, die richtigen Worte zu wählen. »Die Luft ist viel besser als früher, aber es ist noch einiges zu tun«, sagt Xue. »Wenn es hier schneit, ist der Schnee ganz schnell grau.« Immerhin, vor 15 Jahren war er noch schwarz. Und, ja, die Kohlekraftwerke filterten inzwischen einige Schadstoffe aus dem Abgas, viele andere Betriebe jedoch noch nicht.

In Shenyang produzieren heute vor allem Autohersteller, auch ein Joint Venture der chinesischen Firma Brilliance mit BMW, und deren Zulieferer. Ihre Produkte – Statussymbole und Wirtschaftsmotoren zugleich – verpesten die Luft zusätzlich, in all den unzähligen wachsenden Städten Chinas. Oft aus Mangel an Alternativen. »In Trier war es einfach, mit dem Bus in die Stadt zu fahren«, erzählt Xue. »Hier ist das schwierig.« Nur zwei U-Bahn-Linien gibt es in der Stadt, die mit sieben Millionen doppelt so viele Einwohner hat wie Berlin.

Museum, zweiter Versuch: Wenn schon die Lebenswelt der Arbeiter heute unbeleuchtet bleibt, sollten wir wenigstens die Arbeitswelt ansehen, meint Xue, im Stahlguss-Museum. Aber als wir ankommen, ist es geschlossen. Wegen Umbau.

Ein Jahr lang hat Xue Bing in Trier gelebt. In der übersichtlichen Stadt an der Mosel ist in ihm eine Idee gereift: deutsches Öko-Know-how so anzuwenden, dass es in China funktioniert. »Der war richtig elektrisiert«, erinnert sich Peter Heck, Direktor des Instituts für Stoffstrommanagement. »Er hat gleich weitergedacht, wie man unsere Methoden makroökonomisch einsetzen könnte. Ich war ziemlich erstaunt.« Stoffstrommanager analysieren eigentlich mikroökonomisch, was in ein einzelnes Unternehmen hineingeht, was hinaus und was zwischendrin passiert. Das Ganze optimieren sie so, dass möglichst wenig Abfall entsteht.

»Unsere detaillierten Geschäftspläne haben Xue ziemlich begeistert«, erzählt Heck. »Das würde doch prima zu China passen, hat er gemeint: Wenn man die Fünfjahrespläne dort intelligent mache, könne man einiges bewegen.« Heck schwärmt von seinem Gastwissenschaftler, der so anders gewesen sei als viele Chinesen, mit denen er sonst zusammenarbeite: »Er argumentiert sehr stark, ist dabei sehr reflektiert. Die Studenten hier haben ihn als Führungspersönlichkeit anerkannt.« Bei der Frage nach einem Schwachpunkt muss er ziemlich lange überlegen. »Xue macht sehr viel«, sagt er dann. »Deshalb hat er nicht überall den großen Tiefgang. Das könnte ihm im akademischen Bereich mal Probleme bereiten.«

Aber Xue will ja nicht nur denken, sondern handeln. Einen starken politischen Willen habe er, sagt Heck. Zu einem Revoluzzer macht das den Forscher jedoch nicht. Er will das bestehende System für seine ökologischen Ideen nutzen. Für eine konnte er gerade seinen Chef in Shenyang begeistern: Im neuen Industriegebiet wandern noch viel zu viele Stoffe kaum geklärt ins Abwasser, die ein anderer Betrieb noch gut gebrauchen könnte. Man könne doch die Wertstoffe so organisieren, dass am Ende viel weniger Dreck übrig bleibe! Jetzt planen die Institute in Shenyang und Trier ein Pilotprojekt, Millionen Euro Fördergelder sind beim deutschen und chinesischen Forschungsministerium beantragt.

Museum, dritter Versuch: Diesmal ruft Xue lieber vorher an, im »Tiexi-Strategie-Ausstellungsraum«. Dort sind der Umzug des Industriegebiets im Modell und die Pläne der Stadtplaner zu sehen. Im Moment allerdings nicht, erfährt Xue. Das Umzugsmuseum zieht gerade um.

Über die »Brücke der Schwerindustrie« lenkt der Fahrer das klapprige Auto ins neue Industriegebiet, auf eine breite, kaum befahrene Straße, die ein Prachtboulevard sein könnte, wäre sie nicht von weißen Fabrikhallen gesäumt. »Wir haben die Unternehmer hier befragt, wie viel sie über Energieeffizienz und Emissionsreduktion wissen und was sie dafür tun«, erzählt Xue. Das Ergebnis: Viele haben davon gehört, doch wenige setzen es um, vor allem wegen hoher Kosten und geringen Nutzens für die Firmen selbst. Dabei existieren die nötigen Techniken, und die Regierung lockt mit Geld. »Den größten Einfluss hat aber der Druck durch den Markt«, sagt der Geograf, auch das habe seine Studie gezeigt. »Man muss die Einstellung der Leute durch die Wirtschaft ändern.« Das sei seine Vision.

Pläne, Ideen, Visionen – Xue Bing sprudelt geradezu über. Es würde schon reichen, wenn zwei, drei dieser Pläne Wirklichkeit würden. China kann solche Köpfe gut gebrauchen. Doch sich einzig in den Dienst seines Landes zu stellen, daran denkt der Forscher nicht. »Bis ich vierzig bin, will ich die Welt gesehen haben«, sagt er. Als er in Europa war, ist er viel gereist: Paris, Venedig, Mailand, Barcelona, auch Casablanca. Fühlt sich das nicht manchmal merkwürdig an, aus der Provinz an die Akademie der Wissenschaften und raus in die Welt? Zunächst scheint es, als verstehe Xue die Frage gar nicht, dann sagt er: »Wieso? Ich habe doch hart dafür gearbeitet.«

Mehr noch, Xue hat alles schon genau geplant: »Mit sechzig gehe ich in mein Dorf zurück, dann werde ich Bürgermeister.« Ein Ökodorf werde er dann aus seinem Heimatort machen, Biogemüse anbauen, das sei gerade im Kommen in China.

Vorher aber, da hat Xue noch einen Traum. Gesehen hat er ihn in München, dunkel und glänzend und 90.000 Euro teuer, im Museum eines Automobilherstellers: einen BMW. »In den habe ich mich auf den ersten Blick verliebt.« Und die Umwelt? Da grinst er.

 

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