Arbeiten Energie | Klima | TECHNIK | CHINA | PORTRÄTS
»Monogamie ist nicht natürlich«
DIE ZEIT, 7. April 2011
David P. Barash und Judith Eve Lipton entlarvten viele Treue-Klischees. Ein Gespräch an ihrem 34. Hochzeitstag

DIE ZEIT: In Ihrem Buch The Myth of Monogamy behaupten Sie, Monogamie komme in der Natur praktisch nicht vor. Gibt es wirklich kein Tier, das absolut treu ist?
David P. Barash: Doch, Diplozoon paradoxum, ein Fischparasit. Männchen und Weibchen treffen sich früh, dann wachsen ihre Körper zusammen.
ZEIT: Also keine Chance fremdzugehen...
Barash: ...kein bisschen! Sie haben keine Wahl.
ZEIT: Aber wer die Wahl hat, ist untreu?
Barash: Ja, wahrscheinlich. Einige Tiere erscheinen zwar bis jetzt monogam, aber das liegt einfach daran, dass sie noch nicht genau genug beobachtet wurden. Tiere sind genau wie Menschen gut darin, ihr Sexleben zu verbergen.
Judith Eve Lipton: Sie wollen nicht erwischt werden. (Barash grinst sie an.) Wenn ein Vogelmännchen seine Partnerin mit einem anderen sieht, verlässt es womöglich das Nest.
ZEIT: Aber gerade Vögel gelten doch als besonders monogam, Schwäne zum Beispiel.
Barash: Ja. Aber als DNA-Analysen möglich wurden, entdeckte man plötzlich, dass einige der Jungen nicht vom eigentlichen Partner stammten.
ZEIT: Wie hoch ist der Anteil solcher Kuckuckskinder?
Barash: Bei einigen Vögeln mehr als 70 Prozent!
ZEIT: Und wie treu sind Säugetiere?
Barash: Die sind am wenigsten monogam! (Lipton schaut amüsiert zu ihm herüber.) Das liegt daran, dass die Männchen nicht für die Aufzucht der Jungen gebraucht werden; die schauen sich dann nach anderen Partnerinnen um.
ZEIT: Was steckt dahinter?
Barash: Männchen produzieren sehr viele, sehr kleine Spermien; für sie ist es kein großer Aufwand, Nachwuchs zu zeugen. Für Weibchen sehr wohl: Sie produzieren wenige, große Eizellen; dazu kommt die Trächtigkeit und die Säugeperiode. Deshalb ist es für Biologen nicht überraschend, dass Männchen sich zusätzliche Partnerinnen suchen, mit denen sie zusätzliche Junge haben.
ZEIT: Und die Weibchen?
Lipton: Die betrügen auch! Das fand man aber erst in den neunziger Jahren heraus. Die vermeintlich so trauten Hausmütterchen (Barash prustet los.) schlagen sich tatsächlich in die Büsche und treiben es mit jemand anderem.
ZEIT: Was haben sie davon?
Lipton: Zum einen können sie die genetische Ausstattung ihres Nachwuchses, zum anderen ihre eigene Stellung verbessern. Beim Menschen würde man sagen: die sozio-ökonomische Position.
ZEIT: Sie sprechen gleichermaßen von Tieren wie Menschen. Das ist doch ein Riesenunterschied! Lässt sich da überhaupt etwas übertragen?
Lipton: Eine Menge! Nur ist es genauso unbewusst wie bei Tieren. Sogar Evolutionsbiologen sagen ja nicht bei einem Date: »Oh, diese Frau hat ein Taille-Hüfte-Verhältnis von 0,8; mit ihr kann ich tolle Babys haben!« Die Instinkte schreien nicht, sie flüstern. Bewusst würden wir denken: »Wow...
Barash: ...die ist scharf!« Tatsächlich ist Monogamie für so gut wie jede Tierart – auch für den Menschen – nicht natürlich. Das heißt nicht, dass sie nicht möglich oder keine gute Idee ist, aber sie erfordert es, gegen die Biologie anzugehen.
Lipton: Es gibt natürlich Ausnahmen, die sich trotz allem für die Monogamie entscheiden – so wie wir. Heute ist unser 34. Hochzeitstag! (Schaut stolz zu Barash, der lächelt zärtlich zurück.) Sicher haben wir uns gefragt: Warum macht man das? Zum einen ist es ein Vorteil für die Kinder, wenn sich beide Eltern um sie kümmern. Und in einer langjährigen Partnerschaft hat man eben auch einen wirklich guten Freund. Untreue führt zu Hass und Feindschaft – ein weiteres Argument für die Monogamie.
Barash:(nickt heftig) Das stimmt!
ZEIT: Inwieweit beeinflusst uns die Umwelt?
Lipton: Da ist etwa die Empfängnisverhütung, die vieles verändert hat. Heute können junge Leute aus allen möglichen Gründen Sex haben und alle möglichen Formen von Beziehungen.
ZEIT: Und wenn soziale und religiöse Normen schwächer werden, kommen wir dann zurück zu unseren biologischen Wurzeln?
Barash: Wir haben sie nie verlassen. Es ist wie bei einem Kuchen: Die Glasur, die Norm, ändert sich. Aber der Kuchen darunter, die menschliche Natur, bleibt ziemlich gleich. Und die hat diese Tendenz zur Bindung, aber auch zum Herumstromern.
ZEIT: Selbst mal in Versuchung geraten?
Lipton: Natürlich kommt es vor, dass man jemand anderen sexuell anziehend findet...
Barash: ...aber man muss nicht ja sagen. Es funktioniert ein wenig wie nukleare Abschreckung: Ich bleibe treu, damit du nicht verrückt wirst; und du bleibst treu, damit ich nicht verrückt werde.
Judith Eve Lipton ist Psychiaterin. Der Biologe David P. Barash unterrichtet Psychologie an der University of Washington. Sie haben zusammen zwei Töchter.
